IN MEINDORF

 !Im Jahr 1935: Der 13-jährige Schüler Paul Krämer aus Meindorf hat ein ungewöhnliches Hschüler-seidenraupenobby.  Auf dem Dachboden im Haus seiner Eltern stehen Dutzende von seltsamen Gestellen und auf diesen liegen einige Tausend weißliche, erdnussförmige Gebilde von 3-4 cm Größe. Paul züchtet Seidenspinner. Die vielen erdnussförmigen Gebilde auf seinem Speicher sind die Kokons der Seidenspinnerraupe.   Es klingt unwahrscheinlich, aber aus den tausenden Kokons soll einmal knisternde, anschmiegsame Seide werden.

Die Geschichte ist inzwischen über 70 Jahre her. Damals allerdings waren es in der Hauptsache Schulkinder, die diese Zucht betrieben. Dem damaligen Schulleiter, Engelbert Scheiffarth, lag sehr viel daran seine Schüler für die Zucht zu begeistern. Aber der Anfang war gar nicht so einfach.

Es waren die alten Chinesen, die zu Zeiten als unsere Vorfahren in Europa als Steinzeitmenschen in Höhlen hausten, bereits 4000 v. Chr. mit der Kultur der Maulbeerbäume begannen.

 "Schuld" hieran trägt ein Nachtschmetterling, oder genauer dessen Raupen, die sich auf das Blattwerk des weißen Maulbeerbaumes spezialisiert haben. Zur Verpuppung spinnt sich das Insekt einen Kokon, der aus einem einzigen über 1500m langen Seidenfaden besteht - Ausgangspunkt für die Produktion kostbarer Naturseiden.Seide3-klein

Lehrer Scheiffarth veranlasste zuerst einmal, dass die einzige Nahrung der Seidenspinner, der Maulbeerbaum, in Meindorf zu Hunderten gepflanzt wurde. 1934 wurde das erste Bäumchen angepflanzt. Einige Jahre später als die Zucht begann, waren es schon sehr viele geworden. In der Nähe des Mendener Bahnhofes, längs der Dorfstraßen, am Schulhof, in der Siegniederung, überall wuchs vorzügliches Futter für die Fresslust der inzwischen zahlreichen Seidenraupen. Im Bereich Köln - Bonn befassten sich über 100 Schulen mit der Zucht. Unser Meindorf aber überflügelte alle mit der größten Zucht. Dies kam nicht von ungefähr: Lehrer Scheiffarth war ein Fachmann, der in den 30iger Jahren die Aufgabe hatte, alle Zuchten im Regierungsbezirk zu überwachen.

Er sah im Hobby seiner Schüler aber auch einen hohen ideellen und pädagogische Wert. So erl3ebten seine Schüler die Natur hautnah. Sie lernten z.B. auf Sauberkeit zu achten, denn sonst entwickeln sich die Raupen nicht. Beim Verkauf der Kokons kommen seine Schüler natürlich auch nicht ohne gute Mathematikkenntnisse aus.

Heute ist die Seidenraupenzucht aus Meindorf ganz verschwunden. Der ein oder andere Maulbeerbaum steht noch in der Siegniederung. Was aber ist aus den Seidenspinnern geworden? Man wird sie in Meindorf wohl sicher nicht mehr finden.

Friedrich der Große ließ im 18. Jahrhundert verstärkt Maulbeerbäume in Deutschland anbauen, Schul- und Kirchhöfe sowie Straßenränder wurden bevorzugt bepflanzt. Selbstversorgung in Sachen Seidenproduktion schwebte dem Kaiser vor. Doch diese Initiativen erwiesen sich zumindest für die Produktion von Naturseide als Flop

Eine Wiederholung der königlichen Idee organisierte das Nazi-Regime. In den 30iger Jahren dieses Jahrhunderts stand erneut die Autarkie diesmal bei der Versorgung mit Fallschirmseide im Vordergrund.

Günther Wippenhohn

Quelle: Paul Krämer, Am Weiher 12, Meindorf