Jedes Jahr, Ende August, Anfang September werde ich massiv in die Zeit meiner Großeltern zurück versetzt.  Es ist die Zeit der Holunderernte. Als Kind erlebte ich meine Großmutter in dieser Jahreszeit oft mit rot gefärbten Händen über dampfenden Kesseln.  Das Ergebnis dieser mysteriösen Hexenküche lockte uns Kinder noch mehr zu unseren Großeltern: Brote mit Holundergelee!

Die schwarzen Beeren fielen mir bei einem Fahrradausflug vor einigen Jahren wieder ins Auge. Holunder dachte ich und schon kitzelte mikaviar im becken-redur der Duft der großmütterlichen Küche in der Nase. Was lag da näher, als die Erlebnisse aus der Vergangenheit wieder auferstehen zu lassen. Am nächsten Tag fuhr ich, versorgt mit Eimer und Plastiktüten, mit dem Fahrrad an die Sieg. Drei Stunden habe ich gepflückt. Danach einen Nachmittag harte Arbeit: Beeren zupfen, waschen, entsaften, Gelee kochen. Wie schmerzte mir der Rücken am Tag danach! Meine Großmutter mit ihren 90 Jahren hatte einen ähnlich krummen Gang.

Im Laufe der Jahre  wurde ich immer perfekter. Ich lernte die Stellen kennen, wo die besten Beeren wuchsen, kannte immer mehr Tricks beim Verarbeiten und ich probierte natürlich auch aus, wie Holunderwein schmeckt.

Die Holunderernte bedeutet aber viel mehr als das Ergebnis Marmelade und Wein.  Die eigentliche Ernte liegt auf der Gefühlsrad-reduebene.  Wie nervt mich oft die Reizüberflutung und Hektik des täglichen Lebens. Nahezu unmöglich, sich dem zu entziehen. Wenn ich aber vollgepackt mit Plastiktüten voller Holunder auf dem Fahrrad durch die Felder nach Hause fahre, ist dieser ganze Reizüberflutungsmüll weg! Dann bin ich selbst nur noch Fahrrad, Holunder und blauer Himmel. Ich spüre die warme Augustluft, rieche den Duft der Holunderbeeren und mache mir keine Gedanken, wie ich meine krebsroten Hände wieder bürosauber bekomme. Mir wird bewusst, welchen Wert diese schöne Siegauenlandschaft für mich hat. Ein schönes Gefühl sich zu Hause zu fühlen. Das sind die winzig kleinen Glücksaugenblicke, die mehr wert sind als ein Sechser im Lotto. 

 

  Günther Wippenhohn